Was bedeutet der „Kohlekompromiss“ für den Hambacher Wald und die bedrohten Dörfer?

Der Abschluss­bericht der „Kohlekom­mis­sion“ wird oft kri­tisiert als zu zaghaft, um einen aus­re­ichen­den deutschen Beitrag zum Kli­maschutz zu garantieren. Ja richtig! Es müsste schneller vor­ange­hen als es der Kom­pro­miss ein­er Kom­mis­sion for­muliert, die beset­zt war mit Vertretern von Wirtschaftsver­bän­den über Gew­erkschaften bis zu Umwel­tor­gan­i­sa­tio­nen und Bürg­erini­tia­tiv­en. Aber:  Für den Stre­it um die Braunkohle- Kraftwerke in unser­er Region ist der Ausstiegsp­fad der Kom­mis­sion von zen­traler Bedeu­tung. Und eine gute Nachricht!
Bis 2022 sollen im Rheinis­chen Revi­er 3.100 MW Kraftwerk­sleis­tung still­gelegt wer­den. Das hat­te auch Armin Laschet im Jan. 2019 seit­ens der NRW- Lan­desregierung ange­boten. Nimmt man dies ernst, so reduziert sich die jährliche Köh­le­förderung aus den Tage­bauen Ham­bach und Garzweil­er II schon in den näch­sten Jahren um etwa die Hälfte. Wenn danach die Leis­tung sukzes­sive weit­er reduziert wird, wer­den noch 672 Mio.t bis 2038 benötigt. Bei einem End­da­tum 2030, wie es die Sci­en­tists for Future für möglich hal­ten, wäre es min­destens ein Vier­tel weniger.   

Entschei­dend ist nicht wie lange es noch dauert, son­dern wie schnell im jew­eili­gen Zeit­fen­ster welche Kraftwerke abgeschal­tet wer­den. Der Ansatz der DIW-Studie nach Abschal­tung der ält­sten und schlecht­esten Kraftwerke die drei BoA-Blöcke bis 2030 voll weit­erzu­be­treiben und dann erst langsam zu reduzieren, ist kein Naturge­setz. Ambi­tion­iert­ere Pfade wären es Wert kalkuliert und in die Poti­tik­ber­atung einge­bracht zu wer­den.

Wie viel Landfläche muss noch geopfert werden?

Um an die Kohle ran zu kom­men, wird z.B. in Ham­bach über 400 m tief gegraben. Damit die Rän­der des großen Loches bei der Kohlegewin­nung sta­bil bleiben, ist ein Böschungswinkel von 1:3 erforder­lich (max. 33% Gefälle bzw. knapp 20° Nei­gung) . So ste­ht es im vom Bergamt genehmigten RWE-Rah­men­be­trieb­s­plan. Auf dieser Basis haben die Stu­di­en von BUND NRW und dem Deutschen Insti­tut für Wirtschafts­forschung (DIW) ermit­telt, was förder­bar ist — und zwar ohne weit­ere ohne weit­ere Rodun­gen und Zwang­sum­sied­lun­gen.

(Ein Auszug mit den entschei­den­den Fak­ten aus dem DIW-Gutacht­en siehe unten)

Die Antwort ist klar: Alle Dörfer können bleiben und der Wald auch!

RWE- Konz­ern prak­tiziert derzeit das genaue Gegen­teil.  Ohne jede Not näh­ern sich die gigan­tis­chen Bag­ger mit erhöhter Geschwindigkeit dem Wald und auch den bedro­ht­en Dör­fern. Seit Sep­tem­ber 2018 schaufeln zwei Großbag­ger auf der ober­sten Sohle Tag für Tag rund eine halbe Mil­lion (!) Kubik­me­ter weg. Als erstes immer wertvollen Wald­bo­den und frucht­bare Lößerde.
Fak­ten schaf­fen heißt die Devise.

Luft­bild im Sep. 2018 (Zeit­punkt der Räu­mung der Baumhäuser).
Sei­ther ist die Tage­baukante auf der Morschenich­er Seite z.T. nur noch 130m vom Wald ent­fer­nt. (gel­ber Kreis).
Auf der Man­heimer­seite dro­ht in Kürze, dass bis an die Wurzeln der Bäume gebag­gert wird (rot­er Kreis).
Bildquelle: Thomas Krämerkäm­per, BUND NRW

Und was macht “die Poli­tik”? Wir haben eine Bun­desregierung, die mit einem Kli­maschutz-Gesetz, das seinen Namen ver­di­ent, nicht voran kommt und eine Lan­desregierung, die keine Anstal­ten macht, die Fak­ten der Kohlekom­mis­sion in eine neue Leit­entschei­dung für die Reviere umzuset­zen. Dies gibt dem Konz­ern die Rück­endeck­ung weit­erzu­machen, als wäre nichts gewe­sen.

Da gibt es nur eins:
Der Protest muss in diesem Jahr wieder richtig laut werden.

Auszug aus der Studie des Dt. Inst. für Wirtschaftsforschung, Berlin

Die Braunkohle­förderung in den Tage­bauen Garzweil­er II und Ham­bach betrug im Jahr 2017 unge­fähr 70 Mil­lio­nen t. In den näch­sten Jahren wird die Nach­frage aber deut­lich zurück­ge­hen. Gründe hier­für sind die Braunkohlesicher­heits­bere­itschaft *), die zu ein­er Nach­fragere­duk­tion von 10 Mil­lio­nen t führt, sowie zusät­zliche Maß­nah­men zur Erre­ichung des 40%- Kli­maschutzziels. Die von der soge­nan­nten „Kohlekom­mis­sion“ emp­foh­lene Stil­l­le­gung von älteren Blöck­en mit ein­er Leis­tung von unge­fähr 3 GW an den Stan­dorten Nieder­außem und Neu­rath führt ab dem Jahr 2022 zu ein­er jährlichen Einsparung von 23 Mil­lio­nen t (…) Hier­durch hal­biert sich der jährliche Bedarf für die Tage­baue Garzweil­er II und Ham­bach spätestens ab dem Jahr 2022 (…). Für einen Weit­er­be­trieb des Kohlere­viers bis zum Jahr 2035 wer­den somit ins­ge­samt noch unge­fähr 612 Mil­lio­nen t Braunkohle benötigt. Erfol­gt der Ausstieg erst 2038 wür­den 672 Mil­lio­nen t Braunkohle benötigt (s. Abbil­dung. ).“

„Die Ergeb­nisse zeigen, dass bei Verzicht auf Rodun­gen im Ham­bach­er Wald und den Erhalt der Dör­fer Morschenich und Man­heim noch 477 Mil­lio­nen t Braunkohle im Tage­bau Ham­bach förder­bar sind. Im Tage­bau Garzweil­er II verbleiben bei Erhalt der Dör­fer Keyen­berg, Kuck­um, Berverath, Ober­westrich und Unter­westrich sowie des Eggerather Hofes und des Roitzer­hof noch 338 Mil­lio­nen t Kohle.

Auch wenn zum Schutz von Dör­fern und Wald die Tage­baue stark verklein­ert wer­den, über­steigen die erre­ich­baren Kohlevor­räte die bis 2035 bzw. 2038 benötigten Men­gen erhe­blich.

Für das Gesamt­sys­tem sind somit zum 1. Jan­u­ar 2019 noch Kohlere­ser­ven von 815 Mil­lio­nen t ver­füg­bar. Dies über­schre­it­et die bis 2035 oder 2038 noch benötigten Men­gen deut­lich und zeigt daher, dass sowohl der Ham­bach­er Wald als auch die bedro­ht­en Dör­fer erhal­ten bleiben kön­nen.“

*) Still­gelegte alte Kraftwerks­blöcke, die im Not­fall reak­tiviert wer­den kön­nen.
Quellen: BUND NRW. Szenar­ien für den Ham­bach­er Wald, Okt. 2018 und DIW Poli­tik­ber­atung kom­pakt 132 / 2019

Weit­ere Infor­ma­tio­nen zum The­ma in den fol­gen­den Vorträ­gen von unser­er Infor­ma­tionsver­anstal­tung im April 2019

https://3rosen.eu/wp-content/uploads/2019/05/Krämerkämper-BUND-DIW‑2.pdf und
https://3rosen.eu/wp-content/uploads/2019/06/Bussberg-Alle-Dörfer.pdf

https://3rosen.eu/wp-content/uploads/2019/05/Krämerkämper-BUND-DIW-.pdf

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Ein Kommentar

  1. Armin Laschet hat wohl seit der Europawahl begrif­f­en, dass wir dem Kli­maschutz Vor­rang geben vor dem Kohleab­bau. Er muss nur seinen Worten endlich auch mal Tat­en fol­gen lassen. Bish­er wusste das RWE die Regierung jew­eils in seinem Rück­en und agierte also ziem­lich selb­st­sich­er und unge­niert. Jet­zt benutzt es die Bag­ger offen­bar als Druck­mit­tel, um ver­mut­lich eine möglichst hohe Entschädi­gung für seinen Verzicht auf weit­eren Abbau her­aus zu han­deln!
    Faz­it: Wir müssen ganz mas­siv­en Druck auf bei­de — RWE und Regierung Laschet — machen, damit die Bag­ger wirk­lich gestoppt wer­den!

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