Offener Brief von Michael Zobel an RWE, Regierung und Kirche !

Appell an RWE und die Poli­tik — Ret­tet den verbliebe­nen Ham­bach­er Wald

Sehr geehrter Herr Schmitz, sehr geehrte Damen und Her­ren bei RWE, der RWE Pow­er AG, der RWE Gen­er­a­tion SE, sehr geehrter Herr Bun­de­spräsi­dent Stein­meier, sehr geehrte Bun­deskan­z­lerin, sehr geehrte Bis­chöfe Wöl­ki und Dieser, Präs­es Man­fred Rekows­ki, Vizepräs­es Christoph Pis­to­rius, sehr geehrter Herr Polizeipräsi­dent Weinspach, sehr geehrter Herr Vas­sil­iadis, sehr geehrter Herr Laschet,

Ende Sep­tem­ber 2017, die Bun­destagswahl ist vor­bei. Die Wogen glät­ten sich, es ist höch­ste Zeit, endlich wieder an die poli­tis­che Arbeit zu gehen.

Die täglichen Nachricht­en sind erschreck­end. Zer­störerische Hur­rikans in der Karibik, katas­trophaler Mon­sun in Asien, in den Alpen kol­la­bieren ganze Bergstöcke, gigan­tis­che Eis­massen lösen sich von der Ark­tis, große Teile Berlins ste­hen gle­ich zweimal in diesem Som­mer unter Wass­er, die „Jahrhun­dert­ereignisse“ geschehen im Monatstakt.

Kli­mawan­del? Sog­ar in der Repub­likanis­chen Partei der USA wird jet­zt ein Zusam­men­hang zwis­chen men­schlichem Ein­fluss und all diesen Katas­tro­phen nicht mehr ausgeschlossen.

„Wenn wir nicht umkehren, gehen wir unter“. Das sagte Papst Franziskus unlängst auf der Rück­reise aus Südameri­ka. Gemünzt war dieser Satz auf den men­schengemacht­en Klimawandel.

Am 6. Novem­ber begin­nt in Bonn die Kli­makon­ferenz der Vere­in­ten Natio­nen COP23. Bis zu 30000 Delegierte aus der ganzen Welt wer­den dort zusam­men kom­men und über die Zukun­ft des Weltk­li­mas berat­en. Über nicht mehr und nicht weniger als über eine Über­lebens­frage der Menschheit.

Und was passiert hier bei uns im Rheinis­chen Revi­er? Im Ham­bach­er Forst begin­nt die Rodungs­sai­son. Zwis­chen Okto­ber 2017 und Feb­ru­ar 2018 sollen erneut bis zu 80 Hek­tar des ein­st­mals größten Waldes des Rhein­lands unwieder­bringlich ver­nichtet werden.

Im Jahr 2016 ist der RWE-Ableger inno­gy an die Börse gegan­gen. Begleit­et von ein­er gigan­tis­chen Werbe-Kam­pagne, kreativ und mod­ern gestal­tet. RWE set­zt mit inno­gy auf erneuer­bare Energien, „zum Wohle unser­er Kinder“, wie es in einem Spot heißt.

Nichts­destotrotz wan­dert der Braunkohle­tage­bau Ham­bach weit­er nach Süden. Nichts­destotrotz bleibt das Rheinis­che Revi­er ein­er der weltweit größten CO2-Pro­duzen­ten der Welt. 4 der 7 dreck­ig­sten Kraftwerke in Europa ste­hen im Rheinis­chen Revi­er, befeuert vor allem mit Braunkohle aus dem Tage­bau Hambach.

Die Kohlekraftwerke mit ihren enor­men CO2-Emis­sio­nen sind ein großer Stolper­stein für die Kli­maschutzziele Deutsch­lands und Europas. Die Inter­na­tionale Energieagen­tur hat unlängst vorg­erech­net, dass Europa seinen Kohle­stro­man­teil zur Ein­hal­tung des eige­nen CO2-Reduk­tion­sziels bis 2035 auf vier Prozent absenken müsste. Bis vor kurzem stammte allerd­ings noch ein Vier­tel des europäis­chen Stroms aus Kohlekraftwerken. Die Energieerzeu­gung durch ver­al­tete Kohlekraftwerke ist für die Betreiber deut­lich attrak­tiv­er als teure Investi­tio­nen in effiziente und weitaus kli­mafre­undlichere Gaskraftwerke. Ursprünglich als Brück­en­tech­nolo­gie der Energiewende geplant, ver­schwinden let­ztere immer mehr aus dem deutschen und europäis­chen Kraftwerkspark.

Der Tage­bau Ham­bach ste­ht wie kein ander­er für diese Fehlentwicklung.

Das Land NRW und der Energiekonz­ern RWE hal­ten an den nun­mehr über 40 Jahre alten Genehmi­gun­gen und Abbau­plä­nen fest, die das Kli­ma zer­stören, Men­schen aus ihren Dör­fern vertreiben und den Tod dieses Waldes endgültig besiegeln.

Dabei wäre es hier möglich, ein Zeichen zu set­zen. Ein Zeichen aus Deutsch­land für das Ende des fos­silen Zeital­ters. Der Ham­bach­er Wald ist ein Sym­bol, das inzwis­chen weltweit Beach­tung find­et. Und so würde auch die Ret­tung der verbliebe­nen 10 Prozent dieses Waldes ein eben­so weltweites Echo finden.

In den ver­gan­genen Jahren wur­den große Wald­flächen gerodet, das Tage­bau­vor­feld kon­tinuier­lich ver­größert. Förderung von Braunkohle bleibt für Jahre möglich, ohne den let­zten Rest des Ham­bach­er Waldes zer­stören zu müssen. In Kürze wer­den mehr und mehr Kohlekraftwerks­blöcke abgeschal­tet, der Anteil erneuer­bar­er Energien steigt ras­ant. Dadurch wer­den die notwendi­gen Förderka­paz­itäten kleiner.

Beim Ham­bach­er Wald han­delt es sich um einen Stiele­ichen-Hain­buchen-Maiglöckchen-Wald, in dieser Zusam­menset­zung einzi­gar­tig in Europa. Ein schützenswert­er Wald, der unter die Flo­ra-Fau­na-Habi­tat Richtlin­ie fällt. Natu­ra 2000 Code 9160.

Als Natur­führer und Wald­päd­a­goge biete ich seit dreiein­halb Jahren monatliche Führun­gen im Ham­bach­er Wald an. Dazu kom­men ver­mehrt pri­vate Buchun­gen von Betrieben, Lehrerkol­legien, Schulk­lassen, kirch­lichen Ein­rich­tun­gen, Naturschutzver­bän­den, Hochschulin­sti­tuten. Alleine in den kom­menden Wochen wer­den Grup­pen aus Kolumbi­en, von den Fid­schi-Inseln, von diversen Uni­ver­sitäten im Wald unter­wegs sein. Während der Kli­makon­ferenz COP23 wird es tägliche Führun­gen geben. Mehr als 9200 Men­schen jeglich­er Herkun­ft und jeden Alters waren bish­er dabei, von Kindern und jugendlichen Umweltak­tivis­ten bis zu sehr alten Men­schen und RWE-Mitar­beit­ern. All diese Men­schen wollen sich ein Bild machen, was hier im Rheinis­chen Revi­er zwis­chen Aachen und Köln passiert. Am 15. Okto­ber, 12. Novem­ber und 10. Dezem­ber gibt es die näch­sten Waldspaziergänge. Auf den Führun­gen geht es mir darum, Bilder zu zeigen und Gespräche in Gang zu brin­gen, die es anson­sten nicht gäbe.

Alle Adres­sat­en dieses Briefes sind selb­stver­ständlich dazu ein­ge­laden, an diesen Spaziergän­gen teilzunehmen.

Das Pressee­cho ist über­wälti­gend, von den Aach­en­er und Köl­ner Zeitun­gen bis zu WDR, ARD, ZDF, arte, Spiegel, Zeit, FAZ und dem bel­gis­chen Rund­funk, um nur einige zu nen­nen, das Inter­esse wird immer größer.

Auch der Wider­stand gegen die Braunkohlever­stro­mung wächst stetig, Kli­macamps und Aktio­nen des zivilen Unge­hor­sams wer­den mehr. Eine Peti­tion zum Rodungsstopp im Ham­bach­er Forst wurde bish­er von mehr als 35000 Men­schen unterze­ich­net. Am 4. Novem­ber wer­den in Bonn hun­dert­tausende Teil­nehmerIn­nen unter dem Mot­to “Kli­ma schützen — Kohle stop­pen!” auf die Straße gehen.

Die Men­schen merken, dass es genü­gend Alter­na­tiv­en zur Stromerzeu­gung aus Braunkohle gibt. Alleine die Kapaz­ität der in Deutsch­land still­ste­hen­den Gaskraftwerke ist aus­re­ichend, alle Kohlekraftwerke ohne den berühmten Black­out sofort abschal­ten zu kön­nen. Gas ist nicht die per­fek­te Lösung, aber wegen der Flex­i­bil­ität der entsprechen­den Kraftwerke genau die Brück­en­tech­nolo­gie, die wir für eine kon­se­quente Energiewende brauchen.

Wie ist die Sit­u­a­tion im Rheinis­chen Revi­er, rund um den Tage­bau Ham­bach und den Ham­bach­er Wald? Der BUND, Bund Umwelt und Naturschutz Deutsch­land, hat in einem Eilantrag die Wieder­her­stel­lung der auf­schieben­den Wirkung sein­er Kla­gen gegen die bergrechtlichen Zulas­sun­gen zur Fort­führung des Braunkohlen­t­age­baus Ham­bach beantragt. Diese Klage wird am 17. Okto­ber vor dem Ver­wal­tungs­gericht Köln verhandelt.

RWE hat angekündigt, das Urteil abwarten zu wollen, das ist kein Zugeständ­nis, son­dern eine juris­tis­che Selbstverständlichkeit.

Und aktuell ist bekan­nt gewor­den, dass es eben­falls keine Rodungsar­beit­en vor und während der Weltk­li­makon­ferenz COP23 in Bonn geben wird. Erst nach dem Ende der Kli­makon­ferenz soll die Ver­nich­tung des Ham­bach­er Waldes wieder aufgenom­men werden.

Kann es ein, dass RWE die Weltöf­fentlichkeit scheut? Denn die Augen der Welt wer­den auf Deutsch­land schauen, vor Allem auf die Diskrepanz zwis­chen verkün­de­ten Kli­mazie­len ein­er­seits, der oft zitierten Vor­re­it­er­rolle und der täglichen Prax­is andererseits.

Die Bilder aus dem Rheinis­chen Revi­er wer­den um die Welt gehen.

Gle­ichzeit­ig bietet aber die Kon­ferenz die ein­ma­lige Chance, glaub­würdi­ge Zeichen zu set­zen, tat­säch­lich zum Vor­re­it­er in Sachen Kli­maschutz zu wer­den. Wir brauchen einen schnellen Ausstieg aus der Braunkohle. Es geht um unsere Zukun­ft, um die Zukun­ft unser­er Kinder, um die Zukun­ft von Mil­lio­nen von Men­schen auf der ganzen Welt.

Mein Appell an RWE, an die Poli­tik, an die Kirchen:

  • Stop­pen Sie die Rodungs­sai­son 2017/2018 im Ham­bach­er Wald
  • Melden Sie den Ham­bach­er Wald endlich als Natu­ra-2000-Gebi­et an die EU!
  • Tra­gen Sie dazu bei, Deutsch­lands CO2 — Bilanz zu verbessern, die Kli­maziele zu erre­ichen und die Lebens­grund­la­gen für zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen zu bewahren!
  • Pla­nen Sie den Kohleab­bau im Tage­bau Ham­bach so um, dass die verbliebe­nen 10% des Ham­bach­er Waldes nicht unwieder­bringlich ver­nichtet wer­den müssen
  • Poli­tik, Gew­erkschaften, Kirchen und Konz­erne sind aufge­fordert, zukun­fts­fähige Pläne für das Rheinis­che Revi­er zu entwick­eln. Ideen, wie der Ham­bach­er Wald gerettet wer­den kann. Als Aus­gangspunkt für neuar­tige Rekul­tivierungsver­fahren. Für unsere Kinder. Als Zeichen an die Welt. Als glaub­würdi­ges Zeichen, wie ernst das Ums­teuern in der Energieerzeu­gung gemeint ist.
  • Tun Sie das zusam­men mit den Men­schen hier vor Ort. Die gut aus­ge­bilde­ten Fach­leute in den Braunkohle­tage­bauen wer­den noch Jahrzehnte lang gebraucht, wenn die Bag­ger in weni­gen Jahren still stehen.

Helfen Sie mit, den Ham­bach­er Wald zu retten!

Mit fre­undlichen und opti­mistis­chen Grüßen,
Michael Zobel, Natur­führer und Wald­päd­a­goge aus Aachen
info@zobel-natur.de  


Papst Franziskus schließt seine Enzyk­li­ka über den Schutz der Schöp­fung mit zwei Gebeten. Hier ist das Erste: „Gebet für unsere Erde“

„Gebet für unsere Erde“

Allmächtiger Gott, der du in der Weite des Alls gegen­wär­tig bist

und im kle­in­sten dein­er Geschöpfe,

der du alles, was existiert, mit dein­er Zärtlichkeit umschließt,

gieße uns die Kraft dein­er Liebe ein, damit wir das Leben und die Schön­heit hüten.

Über­flute uns mit Frieden, damit wir als Brüder und Schwest­ern leben

und nie­man­dem schaden.

Gott der Armen,

hilf uns, die Ver­lasse­nen und Vergesse­nen dieser Erde,

die so wertvoll sind in deinen Augen, zu retten.

Heile unser Leben,

damit wir Beschützer der Welt sind und nicht Räuber,

damit wir Schön­heit säen und nicht Verseuchung und Zerstörung.

Rühre die Herzen der­er an,

die nur Gewinn suchen

auf Kosten der Armen und der Erde.

Lehre uns, den Wert von allen Din­gen zu entdecken

und voll Bewun­derung zu betrachten;

zu erken­nen, dass wir zutief­st ver­bun­den sind

mit allen Geschöpfen

auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.

Danke, dass du alle Tage bei uns bist.

Ermutige uns bitte in unserem Kampf

für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.“

 

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