Newsletter vom 28. November 2017

Betr.: Hambach aktuell

Liebe Freund*innen von Umwelt, Klima und Wald,

Die Entwicklung im Hambacher Wald nimmt soeben eine dramatische Wendung. Unter großem Polizeiaufgebot setzt RWE die Rodungsarbeiten fort. Es wird auch eng für die jungen Menschen in den Baumhäusern und im Wiesencamp.
Viele von euch kennen Michael Zobel, den Waldpädagogen, der mit seinem unermüdlichen, immer Hoffnung nährenden Einsatz die monatlichen Waldspaziergänge durch den einzigartigen Stieleichen-Hainbuchen-Maiglöckchen-Wald organisierte (in Summe mittlerweile über 10.000 Teilnehmer!). Am Sonntag erreichte uns ein Rundmail (s.u.) von ihm, das uns große Sorgen macht.
Aber wir erhielten auf den Newsletter von letzter Woche auch eine unerwartete Reaktion:
„Nö, bei Euren Anti-Kohle-Demos bin ich selbstverständlich nicht dabei! Und Eure Argumente gegen die Kohle interessieren mich ebenfalls nicht. Jedoch bin ich weiterhin gerne dabei, wenn es gegen die Kernkraft geht.“
Wir sitzen in Aachen in der Klemme zwischen zwei falschen, nicht zukunftstauglichen Technologien der Stromgewinnung. Und es besteht zwischen beiden eine Verbindung, die den wenigsten bekannt ist. Dazu muss ich euch, liebe Leser, mit zurücknehmen in jene Zeit als noch alle energietechnischen Zukunftsvisionen in NRW von Kohle UND Atom schwärmten. Mitte der 70er Jahre, als die bergbaurechtlichen Fundamente für das gelegt wurden, was wir heute erleben.
Ich arbeitete in jener Zeit für 3 Monate bei Rheinbraun als Werkstudent. Beim einem vom Betrieb organisierten Besuch der hauseigenen Dauerausstellung in Schloss Paffendorf konnte ich damals schon auf einer großen Karte bestaunen, welches Ausmaß der Tagebau Hambach nehmen sollte – incl. der mittlerweile vollzogenen Verlegung der A4. Auch besichtigten wir die Baustelle eines der neuen Generation der Riesenbagger, die 250.000 m³ pro Tag wegbuddeln können. Ich schwankte zwischen Technikfaszination und dem Gefühl „sooo klein mit Hut“ zu sein.
Aber ein Artikel in der Werkszeitschrift ließ mich aufhorchen. Der riesige Tagebau hatte neben der allseits bekannten Kohleverstromung noch ein anderes Ziel:
=> Die Gasgewinnung aus Braunkohle mit Hilfe des Hochtemperatur- Reaktors, der gerade in Jülich entwickelt wurde.
Nun hatte ich mich kurz zuvor von der vorgezeichneten Berufskarriere abschiedet, als RWTH-Physikstudent anschließend zur KFA zu gehen. Die erste Konferenz atomkritischer Wissenschaftler auf dem Bauplatz des AKW Wyhl im Breisgau hatte mich 1972 „umgedreht“ und ich war zum Studium für das Lehramt an berufsbildenden Schulen gewechselt. Dazu kam das (gut bezahlte) Praktikum bei Rheinbraun gerade recht, um meine Studiumsvoraussetzungen zu erfüllen.
Welche Sackgasse der Kugelhaufen-HTR in Jülich war, wissen wir mittlerweile und mit seinem teuren Erbe beschäftigen wir heute uns noch als Steuerzahler. Aber dass die gigantischen Ausmaße des Hambacher Tagebaus damit begründet waren, dass man die dortige Braunkohle mit Atomenergieeinsatz zu Synthesegas „veredeln“ wollte, ist weitgehend unbekannt. Diese Pläne sind inzwischen in der Versenkung verschwunden.
Für die aktuelle Auseinandersetzung, um Kohle und/oder Atom mag dieser kleine Ausschnitt aus der Lebensgeschichte eines Zeitzeugen vielleicht ein zusätzliches Argument liefern. Das was unter dem kleinen, immer noch wunderschönen Rest des einstmals größten alten Waldes im Land westlich des Rheins liegt, darf niemals gefördert werden, weil selbst den Betreibern dieses Wahnsinns die Nutzung längst abhanden gekommen ist.
=> Deshalb lasst und verhindern, dass Klimaschutz und Atomausstieg gegeneinander ausgespielt werden.
Bleibt wachsam und tut alles, was ihr könnt, um die aktuelle Rodungssaison mit vielfältigen Protesten zum Misserfolg von NRWE werden zu lassen.
Sonnige Grüße, Robert Borsch-Laaks

Sonnige Grüße, Robert Borsch-Laaks

Initiative 3 Rosen e.V.