Die Schweizer streiten über Atomausstieg

Volksabstimmung am Sonntag
Schweizer streiten über Atomausstieg          

Zu teuer und zu unsicher: Eine Atom-Ausstiegsinitiative kämpft für die Abschaltung der Schweizer Atomkraftwerke. Sollte die für Sonntag angesetzte Volksabstimmung Erfolg haben, müssten bis 2024 alle AKW vom Netz gehen. Doch nicht nur die Atomlobby hält den Vorstoß der Initiative für falsch.
Von Thomas Wagner

Er setzt auch weiterhin auf Atomstrom „made in Suisse“ – weil

der doch so sicher sei: Antonio Sommavilla, Sprecher des größten Schweizer Atomkraftwerk-Betreibers Axpo-AG:
„Wir haben ein Prinzip. Und das heißt: ‚Safety first‘ – also Sicherheit kommt immer zuerst. Und nach diesem Grundsatz leben wir.“
Er hofft, dass es bald ein Ende hat mit dem Atomstrom aus der Schweiz – weil der nämlich ganz und gar nicht sicher sei. Rudolf Rechsteiner, Ex-Nationalrat der Schweizer Sozialdemokraten und Atomkraft-Gegner aus Basel:
„In Beznau steht das älteste Kernkraftwerk der Welt, Beznau I. Es hat auch Risse im Material, wie man festgestellt hat. Das war in Leibstadt. Da hat ein Mechaniker im Reaktordruckbehälter ein Feuerlöschgerät montiert, durchgebohrt. Und es wurde sechs Jahre nicht bemerkt.“
Wirtschaftlich nicht mehr tragbar
Darin sieht Rechsteiner, anders als die Betreiber, erhebliche Sicherheitsdefizite. Doch nicht nur deshalb hofft er auf einen Sieg der Atom-Ausstiegsinitiative am kommenden Sonntag. Denn auch wirtschaftlich sei, beim gegenwärtigen Strompreisniveau, der Betrieb nicht mehr tragbar. Beispiel Beznau am Hochrhein, das älteste der fünf Kernkraftwerke der Schweiz:
„In Beznau muss man sagen: Das Werk ist hochdefizitär. Es produziert für 8,5 Rappen. Doch der Strompreis, die Future-Preise liegen bei drei Rappen.“
Macht etwa drei Euro-Cent pro Kilowattstunde. Diese Rechnung kann auch Antonio Sommavilla vom Betreiber Axpo einfach beiseite wischen.
„Gegenwärtig sind die Preise, die wir auf dem Großhandelsmarkt erlösen können, tatsächlich unter den Gestehungskosten.“
Das allerdings sei nur die halbe Wahrheit. Langfristig setzt die Axpo AG auf steigende Strompreise. Und dann lohne sich der Betrieb der Schweizer Kernkraftwerke wieder. Deshalb setzt die Axpo und die übrigen Schweizer AKW-Betreiber alles daran, zu verhindern, dass die Atomaussteiges-Initiative am Sonntag eine Mehrheit findet. In diesem Fall nämlich müssten die älteren Kernkraftwerke Beznau I und II am Hochrhein sowie Mühleberg bei Bern noch im kommenden Jahr abgeschaltet werden.
2024 würde dann das Kraftwerk Gösgen folgen, 2029 schließlich Leibstadt am Hochrhein, in direkter Nachbarschaft zum baden-württembergischen Landkreis Waldshut.
Energieautonomie als Pro-Argument für Atomstrom
Ein solches Szenario hält Antoni Sommavilla aus einem Grund für überhaupt nicht wünschenswert. Bislang nämlich sei die Schweiz stolz auf ihre Energieautonomie.
„Wenn man die unterminiert, würde man sich allzu stark in eine Auslandsabhängigkeit begebe, wo man nicht genau weiß: Sind die Importe immer jedes Mal vorhanden, wenn die Schweiz den Strom braucht?“
„Das ist absoluter Nonsens. Das Gegenteil ist der Fall“
Entgegnet Jürg Buri von der atomkraft-kritischen Schweizerischen Energiestiftung in Zürich.
„Wenn die Atomausstiegs-Initiative angenommen wird, dann haben wir die Gewissheit, dass wir bis 2030 auf erneuerbare Energien setzen können.“
Die nämlich mit derzeit rund fünf Prozent am schweizerischen Strom-Mix eher ein Stiefmütterchen-Dasein führen. Weit über 50 Prozent des eidgenössischen Strombedarfs kommt aus den Wasserkraftwerken der Schweizer Berge; 40 Prozent aus den fünf Schweizer Kernkraftwerken.
Ein Ausstieg aus der Atomkraft als Einstieg in die Förderung erneuerbarer Energien – dieser Argumentation der Energiestiftung mag die Schweizer Bundesregierung allerdings nicht folgen. Sie lehnt die Atomausstiegs-Initiative und damit den schnelleren Ausstieg der Schweiz aus der Kernkraft ab, nicht zuletzt, so Energieministerin Doris Leuthard, wegen möglicher hoher Folgekosten:
„Die Entschädigungsforderungen kämen. Das bestätigen uns alle Betreiber. Es ist schwierig das jetzt, zu kalkulieren. Man sagt, dass es sich pro Werk um dreistellige Millionenbeträge handeln würde.“

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